NachGedacht

Der bequeme Weg und der Ungehorsam

Hast du Schmerzen - nimmt eine Tablette. So einfach und so bequem. Das gilt mittlerweile für fast alles - die Diät, das Glücksgefühl oder Fun und Spaß - alles ist erschwinglich - schnell und problemlos.
Was verloren gegangen scheint, ist das Bewußtsein dafür, daß ein unbequemer Weg voller Mühe und Eifer zum sog. Er-Folg führt. Allein das Wort spricht schon für sich. Es birgt einen Prozeß des Wachsens und Werdens in sich mit dem krönenden Ende des Gefühls der Zufriedenheit.Verloren auch die Vorfreude auf etwas, das Warten können.
Dabei kommt mir eine Geschichte aus der Welt des Kampfsports ein, die ich in einem Buch las, in den Sinn.
Ein Meister beobachtete seinen Schüler, der die Rolltreppe benutze, um den Weg aus der U-Bahn Station zu nehmen. Er reagierte mit starkem Unwillen und Entrüstung angesichts dieser Faulheit und meinte sein bisheriges Training mit dem Schüler in Frage gestellt. Was bleibt von dem, was Geübt und Erlernt, wenn das Tun und Wirken dieses kontakariert? Wenn das Training ohne Geist und Kraft? Wenn Worte ohne folgende Tag sich als bloße Worthülsen erweisen? - Mit anderen Worten: Hätte der Schüler die richtige Einstellung gehabt, so hätte er statt der Rolltreppe die Treppenstufe gewählt. Dann hätte er sich der Anstrengung gestellt und sich bemüht, sie zu überwinden. Er hätte nicht den bequemen Weg gewählt.
Das Problem der Bequemlichkeit zieht weite Kreise. Angefangen bei der fehlenden körperlichen Ertüchtigung hat die Trägheit auch den Geist erreicht.
Ich erinnere mich an die Jahre, da ich eine Reihe von Lexika in der Bücherei durchstöberte nach Definitionen und Begrifflichkeiten, ich mit einer Tasche voller Lektüre nach Hause kam und für Hausarbeiten und Referate Stunden mit dem Lesen verbrachte. Heute gebe ich ein paar Begriffe ein und eine Fülle von teils frag-würdigen Informationen füllt den Bildschirm. Nicht daß ich diese Errungenschaften missen möchte, doch ich behalte mir vor, doch immer wieder zu den Büchern zu greifen, die nach wie vor meine Regale füllen.
Wenn ich so meine Umwelt beobachte, so denke ich oft, daß die Flucht dieser Gesellschaft vor allen Formen der Anstrengungen doch ziemlich offensichtlich ist. Alles muß schmackhaft, bequem und überschaubar sein und sofort zum Ziel führen, ansonsten erweist es sich als untauglich. Nebenprodukt dieser Entwicklung ist die schleichende innere Leere, die einen jeden ergreift und zu einem noch höheren Maß an Konsum und Triebbefriedigung treibt, was durch die Medien noch angetrieben wird. Nicht zu vergessen die sogenannten Sozialen Netzwerke.
Es fängt immer im Kleinen an. Abkehr von der Bequemlichkeit hin zum Ungehorsam - dem eben nicht mitlaufen, dem Nachdenken und Anderssein und -handeln.
Zu diesem Thema möchte ich Ihnen einen Essay Erich Fromms empfehlen, der sich mit dem sog. Ungehorsam befaßt.
Buchtipp
Erich Fromm: Über den Ungehorsam und andere Essays
rororo Verlag, dialog und praxis
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN: 3-421-01946-0

 

'Insane' lautet der Titel des Buches von Alisa Roth, von dem ich im Deutschlandfunk hörte.

Insane - Geisteskrank. Jeder fünfte Amerikaner leidet unter eine psychischen Erkrankung. Das beginnt bei Depression und reicht bis hin zu Psychose und Schizophrenie. Und: die meisten landen im Gefängnis. Die amerikanische Journalistin (NY) Alisa Roth ist dieser Tatsache nachgegangen und bietet einen verstörenden Blick auf die dortigen Zustände.

Erinnern Sie sich an den Film  'Einer flog über das Kuckucksnest' mit Jack Nicholson? Nun, an den Zuständen hat sich nur wenig geändert - nur es erfolgte ein Ortwechsel des Geschehens.

Die meisten staatlichen Heilanstalten wurden in den letzten Jahrzehnten geschlossen, so daß die Gemeinden mit der ambulanten Betreuung psychisch Erkrankter zunehmend überfordert sind. Zu wenig Therapieplätze, zu wenig Ärzte und das Problem der Kostenübernahme für eine Behandlung. Die Betroffenen landen - überwiegend wegen Bagetelldelikten wie Ladendiebstahl oder auch einfaches Herumlungern (!) - im Gefängnis - und bleiben dort. Der Frauenanteil liegt bei 75%.

Die Einzelhaft, der die Betroffenen sich ausgesetzt erleben, zudem das nicht ausreichend ausgebildete Personal  und Personalmangel, führen dazu, daß sich der psychische Zustand dieser Menschen rabiat verschlechtert. Nicht selten 'bricht die Seele ein' - sogar offentsichtlich gesunde Menschen werden krank 'gemacht'. Die Folgen für den psychisch Erkrankten wie auch die 'Krank-Gemachten', kann man sich nur annähernd vorstellen.

Das Problem der adäquaten Unterbringung psychisch erkrankter Menschen ist nicht neu. 'Während der gesamten Geschichte fiel es uns in den USA stets schwer zu entscheiden, wie und wo man psychisch kranke Menschen am besten behandeln soll', so Alisa Roth.

Quer durch die USA reiste die Journalistin. Suchte Gefängnisse auf dem Land und in der Stadt auf. Sprach mit Insassen und Angehörigen, Vollzugsbeamten und Ärzten. Einfühlsame Darstellung der Einzelschicksale, die sie aufgreift, wechseln mit der klaren, analytischen Betrachtung der Zustände und dem Aufdecken der Hintergründe. Und die gesamtgesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung. Nicht zu vergessen die Lösungsmodelle, die ebenfalls vorgestellt werden.

Es ist ein unbequemes und sehr ergreifendes Buch, das hoffentlich bald auch in deutscher Übersetzung vorliegen wird.

Alisa Roth: 'Insane. America's Criminal Treatment of Mental Illness', Gebundene Ausgabe im Verlag Basic Books (3. April 2018), ISBN-13: 978-0465094196.